Passieren auch. Und zwar so viele, dass ich mich fühle wie in einem für mein anfallsaffines Hirn zu schnell und zu hart geschnittenen Film. Und trotzdem: Wie geil.
Was ein geiler Streifen!
Ich habe also die beiden schriftlichen Prüfungsteile hinter mir. Ich habe das Erbe für das Kind ohne Vater ausgeschlagen. Ich habe mit meinem Stiefvater gesprochen. Ich habe NICHT mit der Schwiegermutter gesprochen, und das mit gutem Gewissen und obwohl ich darum gebeten wurde und mir ihre Telefonnummer notiert hatte. Ich habe ganz oft “ja” und “nein” gesagt, und auch wenn ich mir nicht bei jeder Antwort sicher bin, dass sie die zweifelsohne richtige war: ich bin glücklich, ja und nein sagen zu können und nicht immer “ich kann das nicht” “ich trau mich nicht” ich weiss nicht”. Das ist gut.
Und nach all den großen Brocken und dem Müssen und dem Rennen und den zu kurzen Tagen und den zu vielen Kippen und dem “egal, einfach weiter” kommt jetzt eine ziemlich abstrakte, eine ungewohnte, eine bezaubernde Langsamkeit. Eine Vorahnung von Entspannung, ein Gang runter, ein Hinsetzen und ein Umsehen, was eigentlich grad ist.
Das davor war so schnell und so hart und so unerwartet, dass ich das jetzt erstmal tun muss. Mich hinsetzen. Umsehen. Durchatmen.
Den müden Knochen und den morschen Muskeln und dem Hirn, das kaum noch etwas halten kann (ich wunderte mich während des Schreibens, wo in meinem Kopf ich überall Restwissen fand, das sogar verwertbar war. Und ich habe mich gefreut, denn es zeigt dass mein Hirn das noch kann: Sich Dinge merken, von deren Unwichtigkeit ich überzeugt bin. Und im Bedarfsfall dann einfach mal spontan das Faktenwissen wieder auskotzen.) ein wenig Ruhe gönnen.
Es ist ein Hinsetzen und all die aus den kraftlosen Armen gefallenen Dinge betrachten.
Ein Ansehen dieser Dinge. Ein vorsichtiger Griff wie beim Mikado spielen. Eins nach dem anderen hochnehmen, befühlen, betrachten und in den Händen wiegen. Ein Entscheiden.
Zwei Haufen.
Vorbei, nicht zu ändern und egal.
Nicht vorbei, zu ändern und nicht egal.
Und wenige, nur ganz wenige Dinge, die sich nicht recht eindeutig auf einen der beiden Haufen sortieren lassen.
Einzig langsam tun muss ich lernen. Nicht aus unguter Gewohnheit heraus den Druck und die Eile der letzten Wochen, Monate, Jahre aufrecht erhalten. Spüren, dass es vorbei ist.
Keiner wird mehr anrufen und mich mit Dinosauriergenen und seiner Angst, mein Kind sei ein Monster konfrontieren. Sie wird nicht mehr in einem vorbeifahrenden Wagen sitzen wenn ich an der Straße entlanggehe. Ich muss nicht mehr grollen, nicht mehr fürchten, nicht mehr hadern und sorgen um diese Dinge. Sortiert ist das. Und es ist gut.
Was ich mir wünsche: Diese Leichtigkeit (die ich erstmal nur rein rational sehe. Von begriffen-haben kann noch nicht die Rede sein.) jetzt zu spüren. Atemzüge nehmen bis zum Grund meiner Lungen, die Arme weit machen, Mut haben statt Furcht und das Joch am Bildrand (hinten, links) immer kleiner werden sehen bis es irgendwann verblasst, mit der Landschaft verschmilzt.
Es ist jetzt und es wird jetzt besser sein als es vorher war.
Und ich stehe da und kann die Tragweite des Geschehenen noch gar nicht ermessen.
Wir gehen nach Berlin, der beste Mitbewohner und ich und die Tochtertöchter gehen natürlich mit. Er ist schon da, seit einer Woche. Und ich bin hier, noch. Was auch gut ist, denn ich geniesse den Rest München, den mir die Zeit noch lässt. Jetzt, da absehbar ist, dass ich nicht in dieser Stadt bleiben, mir hier keinen Platz erkämpfen muss der mir nicht gefällt, der zu klein und zu teuer und zu und zu eng und zu reglementiert und einfach kein guter Platz für mich ist. Jetzt kann ich Freundschaft machen mit dieser Stadt und kann sie mögen und gut finden und die schönen Ecken sehen und mir zeigen lassen. Das ist gut. Und ich werde mir München bei Nacht noch gründlich ansehen. Ich weiss auch gerne genau, gegen welche Optionen ich mich entschieden habe. Und Weggeh-Schmerz, den wird es geben.
Und dabei erscheint mir dieses Berlin (das ich vor einiger Zeit wieder besucht und ganz wunderbar gefunden habe!) so surreal, so weit weg. Eine Wohnung. Wie sucht man eine Wohnung von ganz weit weg? Und Arbeit. Und welche Arbeit? Und wie macht man das alles, wenn alles so anders ist als es immer gewesen ist?
Großartig fühlt sich das alles an. Das Wegsortieren und das Können. Das Gefühl, jetzt frei entscheiden zu können. Nicht weg zu müssen. Aber zu wollen. Machen-wollen. Erleben-wollen. Ein bischen wie auf einem jungen Pferd sitzen, zu dem man erst Vertrauen finden muss.
Der Dicke ist übrigens auch nicht mehr da. Verkauft. Aber an einen guten Platz. Zwei junge Pferde sind stattdessen im Stall. Ich werde mich nicht drauf setzen, auch wenn ich dazu eingeladen worden bin. Ich mag nicht.
Ich mag ganz andere Dinge tun. Das ausgefüllte Formular ans Finanzamt senden. Dann offiziell selbst und ständig sein (geht noch selbster und ständiger eigentlich?) und eigenverantwortlich arbeiten. Mit Scheiter-Option. Aber den Bremer Stadtmusikanten im Sinn. “Etwas besseres als den Tod finden wir überall.”
Schreiben mag ich, über so vieles.
Das Buch, das ich gelesen habe. Mein erster Comic. Ich konnte diesem Genre nie viel abgewinnen. Nicht nur dank Chester weiss ich jetzt, dass es da viel mehr gibt als Superhelden und dicke Gallier. Was hab ich gestaunt!
Die Aufführung, die ich gesehen habe. Auch, aber lange nicht nur weil ich damit etwas verbinde. Ein geschlossener Kreis, irgendwie und schön. So schön!
Hände, die ich im Rücken spüre und wieder eine Stille. Aber eine, die besser ist als das dumme Daherreden der letzten Zeit weil keiner mehr sagen kann, was er will, weil der Mut und das Zutrauen weg sind.
Über Liebe und Freundschaft und darüber, dass ich nicht glaube, dass man das unterscheiden sollte würde ich gerne etwas schreiben. Über Liebe (die nur und nur FREI sein KANN, weil es sonst manipulative Scheiße oder im besten Fall ein Deal ist) und über Freundschaft und über Mädels und Jungs und darüber, wie einfach die Dinge wären, wären sie etwas weniger kompliziert. Würden wir sie etwas weniger kompliziert machen. Würden wir etwas weniger vergleichen, etwas weniger werten und etwas mehr Mut haben. Etwas weniger ausgrenzen und etwas weniger erwarten und viel, viel, viel mehr Verantwortung für uns selbst und ganz viel weniger Verantwortung für andere übernehmen wollen sollten wir. Vor der eigenen Tür kehren, neidfrei sein und nicht glauben, dass das, was für das Ego gut ist ist auch für andere gut sein müsste.
Und über Verbote und Tabus und Politik würd ich gern schreiben. Und so viel mehr. Aber wartet nur ab, ich werde mehr Zeit haben (vielleicht) und mehr Energie (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) und einen Teil davon werde ich hier investieren. In solche Sachen. Und die anderen Dinge.