Die anderen Dinge.

Passieren auch. Und zwar so viele, dass ich mich fühle wie in einem für mein anfallsaffines Hirn zu schnell und zu hart geschnittenen Film. Und trotzdem: Wie geil.

Was ein geiler Streifen!

Ich habe also die beiden schriftlichen Prüfungsteile hinter mir. Ich habe das Erbe für das Kind ohne Vater ausgeschlagen. Ich habe mit meinem Stiefvater gesprochen. Ich habe NICHT mit der Schwiegermutter gesprochen, und das mit gutem Gewissen und obwohl ich darum gebeten wurde und mir ihre Telefonnummer notiert hatte. Ich habe ganz oft “ja” und “nein” gesagt, und auch wenn ich mir nicht bei jeder Antwort sicher bin, dass sie die zweifelsohne richtige war: ich bin glücklich, ja und nein sagen zu können und nicht immer “ich kann das nicht” “ich trau mich nicht” ich weiss nicht”. Das ist gut.

Und nach all den großen Brocken und dem Müssen und dem Rennen und den zu kurzen Tagen und den zu vielen Kippen und dem “egal, einfach weiter” kommt jetzt eine ziemlich abstrakte, eine ungewohnte, eine bezaubernde Langsamkeit. Eine Vorahnung von Entspannung, ein Gang runter, ein Hinsetzen und ein Umsehen, was eigentlich grad ist.

Das davor war so schnell und so hart und so unerwartet, dass ich das jetzt erstmal tun muss. Mich hinsetzen. Umsehen. Durchatmen.

Den müden Knochen und den morschen Muskeln und dem Hirn, das kaum noch etwas halten kann (ich wunderte mich während des Schreibens, wo in meinem Kopf ich überall Restwissen fand, das sogar verwertbar war. Und ich habe mich gefreut, denn es zeigt dass mein Hirn das noch kann: Sich Dinge merken, von deren Unwichtigkeit ich überzeugt bin. Und im Bedarfsfall dann einfach mal spontan das Faktenwissen wieder auskotzen.) ein wenig Ruhe gönnen.

Es ist ein Hinsetzen und all die aus den kraftlosen Armen gefallenen Dinge betrachten.

Ein Ansehen dieser Dinge. Ein vorsichtiger Griff wie beim Mikado spielen. Eins nach dem anderen hochnehmen, befühlen, betrachten und in den Händen wiegen. Ein Entscheiden.

Zwei Haufen.

Vorbei, nicht zu ändern und egal.

Nicht vorbei, zu ändern und nicht egal.

Und wenige, nur ganz wenige Dinge, die sich nicht recht eindeutig auf einen der beiden Haufen sortieren lassen.

Einzig langsam tun muss ich lernen. Nicht aus unguter Gewohnheit heraus den Druck und die Eile der letzten Wochen, Monate, Jahre aufrecht erhalten. Spüren, dass es vorbei ist.

Keiner wird mehr anrufen und mich mit Dinosauriergenen und seiner Angst, mein Kind sei ein Monster konfrontieren. Sie wird nicht mehr in einem vorbeifahrenden Wagen sitzen wenn ich an der Straße entlanggehe. Ich muss nicht mehr grollen, nicht mehr fürchten, nicht mehr hadern und sorgen um diese Dinge. Sortiert ist das. Und es ist gut.

Was ich mir wünsche: Diese Leichtigkeit (die ich erstmal nur rein rational sehe. Von begriffen-haben kann noch nicht die Rede sein.) jetzt zu spüren. Atemzüge nehmen bis zum Grund meiner Lungen, die Arme weit machen, Mut haben statt Furcht und das Joch am Bildrand (hinten, links) immer kleiner werden sehen bis es irgendwann verblasst, mit der Landschaft verschmilzt.

Es ist jetzt und es wird jetzt besser sein als es vorher war.

Und ich stehe da und kann die Tragweite des Geschehenen noch gar nicht ermessen.

Wir gehen nach Berlin, der beste Mitbewohner und ich und die Tochtertöchter gehen natürlich mit. Er ist schon da, seit einer Woche. Und ich bin hier, noch. Was auch gut ist, denn ich geniesse den Rest München, den mir die Zeit noch lässt. Jetzt, da absehbar ist, dass ich nicht in dieser Stadt bleiben, mir hier keinen Platz erkämpfen muss der mir nicht gefällt, der zu klein und zu teuer und zu und zu eng und zu reglementiert und einfach kein guter Platz für mich ist. Jetzt kann ich Freundschaft machen mit dieser Stadt und kann sie mögen und gut finden und die schönen Ecken sehen und mir zeigen lassen. Das ist gut. Und ich werde mir München bei Nacht noch gründlich ansehen. Ich weiss auch gerne genau, gegen welche Optionen ich mich entschieden habe. Und Weggeh-Schmerz, den wird es geben.

Und dabei erscheint mir dieses Berlin (das ich vor einiger Zeit wieder besucht und ganz wunderbar gefunden habe!) so surreal, so weit weg. Eine Wohnung. Wie sucht man eine Wohnung von ganz weit weg? Und Arbeit. Und welche Arbeit? Und wie macht man das alles, wenn alles so anders ist als es immer gewesen ist?

Großartig fühlt sich das alles an. Das Wegsortieren und das Können. Das Gefühl, jetzt frei entscheiden zu können. Nicht weg zu müssen. Aber zu wollen. Machen-wollen. Erleben-wollen. Ein bischen wie auf einem jungen Pferd sitzen, zu dem man erst Vertrauen finden muss.

Der Dicke ist übrigens auch nicht mehr da. Verkauft. Aber an einen guten Platz. Zwei junge Pferde sind stattdessen im Stall. Ich werde mich nicht drauf setzen, auch wenn ich dazu eingeladen worden bin. Ich mag nicht.

Ich mag ganz andere Dinge tun. Das ausgefüllte Formular ans Finanzamt senden. Dann offiziell selbst und ständig sein (geht noch selbster und ständiger eigentlich?) und eigenverantwortlich arbeiten. Mit Scheiter-Option. Aber den Bremer Stadtmusikanten im Sinn. “Etwas besseres als den Tod finden wir überall.”

Schreiben mag ich, über so vieles.

Das Buch, das ich gelesen habe. Mein erster Comic. Ich konnte diesem Genre nie viel abgewinnen. Nicht nur dank Chester weiss ich jetzt, dass es da viel mehr gibt als Superhelden und dicke Gallier. Was hab ich gestaunt!

Die Aufführung, die ich gesehen habe. Auch, aber lange nicht nur weil ich damit etwas verbinde. Ein geschlossener Kreis, irgendwie und schön. So schön!

Hände, die ich im Rücken spüre und wieder eine Stille. Aber eine, die besser ist als das dumme Daherreden der letzten Zeit weil keiner mehr sagen kann, was er will, weil der Mut und das Zutrauen weg sind.

Über Liebe und Freundschaft und darüber, dass ich nicht glaube, dass man das unterscheiden sollte würde ich gerne etwas schreiben. Über Liebe (die nur und nur FREI sein KANN, weil es sonst manipulative Scheiße oder im besten Fall ein Deal ist) und über Freundschaft und über Mädels und Jungs und darüber, wie einfach die Dinge wären, wären sie etwas weniger kompliziert. Würden wir sie etwas weniger kompliziert machen. Würden wir etwas weniger vergleichen, etwas weniger werten und etwas mehr Mut haben. Etwas weniger ausgrenzen und etwas weniger erwarten und viel, viel, viel mehr Verantwortung für uns selbst und ganz viel weniger Verantwortung für andere übernehmen wollen sollten wir. Vor der eigenen Tür kehren, neidfrei sein und nicht glauben, dass das, was für das Ego gut ist ist auch für andere gut sein müsste.

Und über Verbote und Tabus und Politik würd ich gern schreiben. Und so viel mehr. Aber wartet nur ab, ich werde mehr Zeit haben (vielleicht) und mehr Energie (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) und einen Teil davon werde ich hier investieren. In solche Sachen. Und die anderen Dinge.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Teil I

Ist geschrieben, nach menschlichem Ermessen annehmbar geworden und vor allem: vorbei, erledigt, vergangen.

Morgen nochmal.

Im Juni/Juli nochmal. Und dann bin ich offiziell Marketingtussi.

*Brummkreisel*

 

Und ja, der ganze Erbe-Ausschlag-Renten-Nachlass-Trauer-wie-geht-das-weiter-Mama-Jobsuch-und-in-Teilen-sogar-finde(der beste Mitbewohner^^)-Drama ist im Hintergrund gelaufen, hat irre Kraft gekostet und die Überlegung die Prüfung nicht abzulegen war einige Tage lang in meinem Kopf. Und dann war da der “Trotzdem-Reflex”. Und der “Jetzt-erst-recht-Reflex”. Was gut war.

Denn grad eben fühlt dich das sehr, sehr richtig und kringelrund an.

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Was bleibt.

Im Bett liegen, Kopf an Kopf und irgendwie versuchen, klar zu kommen.

Ich-will-das-nicht. Warum? Wo kommt so viel Pech her? Ich will nicht immer nur Pech haben. Alles ist blöd. Alles tut weh. Mir schlägt das so über dem Kopf zusammen Mama, dass ich keine Luft mehr kriege und gar nicht mehr denken kann. Ich hab dich lieb. Bleib bei mir. Halt mich fest. Ich kann nicht liegen, ich kann nicht schlafen, ich kann nicht wach sein. Ich habe Angst vor meiner Traurigkeit. Ich verstehe das alles nicht, ich habe das Gefühl viel zu klein zu sein um überhaupt damit zurecht zu kommen.

Den blonden Strubbelkopf streicheln. “Es wird gut werden” als Mantra dabei säuseln. Auch zugeben, dass ich vom “wie” keine Ahnung habe. Aber zu bedenken geben, dass uns das noch nie gehindert hat, mit etwas zurecht zu kommen. Wenn es das Leben einem so schmutzig besorgt ist das immer learning by doing. Wir kriegen das hin. Wir kriegen das Einschlafen hin, das Aufstehen, den Tag heute. Morgen auch. Und am Tag drauf. Und am Tag darauf. Und irgendwann Kind wirst du feststellen: Wir haben viele Tage hingekriegt und es ist ganz langsam und unscheinbar und leise ein wenig besser geworden. Und dann wirst du mir glauben, dann wirst du wissen: es wird wieder gut. Versprochen.

Wir haben so viel geschafft. Vorher schon, ehedem. Und gestern, gestern auch. Und am Montag, als wir in der Schule waren und gesagt haben, was passiert ist. An dieser Stelle lasse ich sämtliche Klein-ThisIs-Lehrer einmal hochleben. Und unseren Schulleiter. Doppelt sogar. Auch wenn sie es vermutlich zumindest hier im Blog nicht erfahren werden. Verständnis, Anteilnahme, sogar Armenehmer und Tränen haben sie für mein Kind gehabt. Solche Lehrer, so eine Schule haben wir. Eine Dorf-Hauptschule. Staatlicher könnte sie nicht sein. Und besser für uns auch nicht. Danke.

Während ich gestern die Säbelzahnlöwenmutter gegeben habe und uns alle drei so gut ich konnte durch diesen Tag gebracht habe bin ich heute einfach waidwund. Die Anstrengung war gigantisch, und so wie gestern die Kraft da war ist sie heute weg, die Migräne hat sich in meiner linken Schädelseite festgebissen und nagt mir jeden Elan weg.

Menschen, die sich in zehn Jahren nicht einen Tag um dieses Kind geschert haben wollten gestern mitleidig seinen Kopf streicheln. Menschen, die mich gerügt, auf mich herabgeblickt und abgeurteilt haben als ich diesen Mann verlassen habe wollten mir ihr Beileid aussprechen. Meinten, sich eine Meinung, ein Bild, eine Ansage erlauben zu können.

Ich habe sie jeweils kurz, bestimmt und höflich gebeten, mich und das Kind samt großem Kind zu verschonen. Habe sie kurz in Kenntnis gesetzt, dass dieser Tod weder plötzlich, noch überraschend, noch unvorhersehbar war und ich an geheucheltem Interesse oder ihrem schlechten Gewissen wem auch immer gegenüber nicht das geringste Interesse habe. Und abgesehen davon mich hier gedenke um mein Kind zu kümmern, das am Grab seines Vaters steht und deswegen auch keine Zeit und Energie habe, mich weiter mit ihnen zu unterhalten. Wollte dann auch niemand mehr.

Dass ich mit Priestern und dem ganzen Primborium wenig anfangen kann sagte ich ja an anderer Stelle. Schon bei der anderen Beisetzung, kürzlich, musste ich mir einen vom Leib halten der mir mit der Argumentation kam, dass am Grab doch alles vergeben und vergessen sei. Für mich ist ein Leben mit dem Tod schlicht zu Ende. Und mein Verstand und die Erfahrung sagen mir, dass Taten auch noch weiter wirken, wenn der Ausführende schon nicht mehr ist. Vergeben und Vergessen sind unabhängig davon, ob und wann eine Person stirbt. Ein gedeihliches Miteinander zu Lebzeiten ist erstrebenswert, Heilsversprechungen sind nichts für mich. Ungeachtet dessen respektiere ich, wenn andere Menschen einen Nutzen für sich aus dieser Religionssache ziehen können. Und natürlich war gestern auch ein Priester anwesend. Natürlich mit kleiner Predigt und dreiundzwanzigstem Psalm, den sogar ich schön finden kann. So ganz unreligiös-lyrisch. Jedenfalls sind dem Gottesvertreter die Gesichtszüge ziemlich entgleist, als er die Kinder gesehen hat.

Klar. Der Teil der Herkunftsfamilie des Mannes, der die Beisetzung geregelt hat sah sich ausser Stande oder war nicht Willens, mich (oder besser: das Kind durch mich) zu informieren. Man hat mit unserer Anwesenheit nicht gerechnet und die Existenz des Kindes unter den Teppich gekehrt. Nicht nur der Priester hatte kurzfristig Mühe, seine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Der uninformative aber organisatorisch begabte Teil der Verwandtschaft blieb dann aber nach der … wie nennt man das? Ist das eine Messe? Ein Gottesdienst? Sagen wir: nach dem Ritual … so lange stehen und wäre tatsächlich bereit gewesen mit mir zu diskutieren, was ich dem Kind ersparen wollte, dass ich mit dem kleinen Kind im Arm und dem großen an der Hand als erste dem Sarg hinterher gelaufen bin.

“Hart” beschreibt diese Sache nur unzureichend. “Knüppelhart” ist etwas besser, aber mir ist noch kein Wort eingefallen, das so etwas passend beschreibt. Es gibt aber Dinge, die ich bitte nie wieder tun will. Dieses Erlebnis steht ziemlich an der Spitze.

Danach, nachdem ein Brief, eine Glasperlenkette und gelbe Tulpen in die Erde gefallen sind, nachdem ein Porzellanengelchen bei der am nächsten stehenden Sargträgerin (!) zu treuen Händen und zum Aufstellen auf der Grabplatte gegeben wurde sagte das Kind: “Mama, ich will hier nur noch weg.” Und die Mama sagte: “Dann gehen wir weg.” Und so gingen wir direkt vom Friedhofsgelände, gingen zur Ubahn, fuhren zum Bahnhof, warteten eine Stunde bei heisser Schokolade und fuhren nachhause. Weg von da. Heim.

Das Kind schlief innert Minuten mit dem Kopf auf meinem Schoß. Ich habe seinen Kopf gestreichelt, habe es mir angesehen und bis heute fasse ich nicht, was und wie das wird und welch gigantisch große Aufgabe ich da habe. Mutter-sein. Allein. Mutterseelenallein. Wie vorher auch.

Denn: Die Aufgabe an sich war vorher nicht kleiner.

Er war, daran besteht nicht der geringste Zweifel, langjährig und schwerst alkoholkrank. Er war psychotisch, schizophren und ja: auch gefährlich. Diese Gefahr ist jetzt gebannt. Keine Anrufe mehr. Keine Sorge um Schusswaffen, Straftaten, Wahnsinn mehr. Keine Angst vor Übergriffen, Wahnsinn, Mindfuck und Psychoterror. Er hat in meinem und dem Leben des Kindes und der Kinder eine Schneise der Verwüstung geschlagen und Leid, Bitterkeit und Verzweiflung über uns ausgegossen. Nein, kein Verlust für mich. Keine Dinosaurier, keine Gefährdung anderer im Straßenverkehr, keine Promillerekorde. Kein “Sie müssen dem Umgang fördern, koste es was es wolle” mehr.

Kein Bitten mehr um Gehör bei “zuständigen Stellen”, die ich heute im übrigen samt und sonders sie in meiner Erreichbarkeit liegen über den Erfolg ihrer Arbeit informiert habe. Einzig die Dame vom Jugendamt, die geht mir noch ab.

 

 

 

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Geschafft

Haben wir es.

Die Kinder, insbesondere das kleine Kind: Diesen Tag überstehen.

Ich: Den Tag überstehen, die Kinder tragen und Haltung bewahren.

Und nie wieder will ich mit einem Kind an der Hand hinter einem Sarg herlaufen, und schon gar nicht als erste.

Jetzt lass ich für ein paar Stunden die Flügel hängen bevor der Nachlass-Hassel losgeht.

Amen.

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Selten…

… dass ich wirklich mal Wut spüre. Also so richtig dicke, fette Wut, KehlenzuschnürWut und KopfandieWandschlagWut und ZappelschreikreischausflippWut. Wut, die mir die Kehle zuschnürt, die kenne ich noch am ehesten. Oder welche, die mich schimpfen und zetern lässt, wie man es hier auch immer wieder lesen kann. Aber die Art Wut, die macht, dass ich mich am liebsten auf den Boden werfen und mit allen Vieren um mich schlagen möchte, die habe ich schon lange nicht mehr gespürt und ich habe sie auch nicht vermisst.

Aber ich sehe mein Kind. Und ich sehe, what a huge amount of Scheiß da auf uns alle zu kommt. Und mir fällt keine adäquate Reaktion mehr ein. Der einzige Reflex: Siehe oben. Um mich schlagen. Schreien. Austicken.

Ich unterdrücke diesen Reflex natürlich einigermaßen erfolgreich,  schliesslich muss ja einer stehen bleiben. Und nicht nur das: Auch einen Fuß vor den anderen setzen.

Also bin ich ruhig, sehr sogar. Ich halte mich von allem, was mich überlasten könnte fern um mich nicht in die Versuchung zu bringen, dem Schrei-Wüt-Tobe-Reflex nachzugeben. Meine Stresstoleranz ist nahe Null.

Und ich versuche mich nicht aufzuregen wenn ich daran denke, was auf uns und auch auf mich ganz speziell, in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten zu kommt.

Telefonate habe ich geführt. Telefonate back in time sozusagen. Mit Menschen, die mir nie nahe standen, die aber jetzt Info und Verbindungen haben, die ich brauche. Wegen des Kindes. Das doch nichts hat. Das nicht mal ein Bild hat. Das nichts hat ausser zerbrochenen leeren Versprechungen und sie gerade so fest in den kleinen zittrigen Händen hält dass die Scherben  in die Reste vom Babyspeck einschneiden.

Ich will das nicht.

Wir gehen am Montag zusammen in ihre Schule. Sagen den Lehrern, was los ist. Müssen wir ja. Weil irgendwie wird doch jetzt sicher alles anders sein, und irgendwie soll doch keiner mit dem Kind jetzt hart ins Gericht gehen, wenn es sich sonderbar verhält? Und eine Schulaufgabe sollte das Kind doch diese Woche nicht schreiben müssen, oder sehe ich das falsch? Ein bischen Samthandschuh-Anfassen erbetteln, wenn das Leben doch schon den Knüppel schwingt ist schon okay.

Und am Dienstag gehen wir zur Beisetzung. Auch hier: Unschönes Drumrum.  Wir werden es aushalten, wir werden zurechtkommen. Aber ich weiss beim besten Willen noch nicht, wie man ein Kind am Grab seines Vaters halten soll, wie ich trösten soll, wie ich das tragen soll, dieses Kind.

Und dann werden wir sehen, wie es weiter geht. Wann die Wohnung entsiegelt wird, wann wir rein dürfen. Sie möchte ein paar Andenken.

Und ich, ich möchte die Befunde, die Arztbriefe, ich möchte so gerne die Möglichkeit schaffen, diese ganze gruslige Geschichte zu rekonstruieren. Ich möchte, dass aufkommende Fragen im Falle eines Falles so genau wie möglich beantwortbar sind. Ich möchte Fakten sammeln gegen den weit vorangeschrittenen Realitätsverlust, gegen die Lügen und das Totschweigen. Ich möchte, dass wenn, das Kind die größtmögliche Informationsfülle hat. Zwecks eigener Meinungsbildung. Was bleibt auch angesichts des entgrenzten Wahnsinns anderes?

Am Tag nach der Beisetzung, wie ist das dann? Papierkram steht viel an, denn am Folgetag gilt es dann unfassbar viele Papiere vorzulegen. Rente. So schnell wird man also zum Rentner. Und was ich an Ängsten mit mir herumtrage, was dieser ganze Papierkrieg uns sonst so an Sorgen bereiten wird… ich habe doch meine Prüfung zu schreiben. Wie macht man das eigentlich, Prüfungen schreiben zwischen trauerndem Kind, Papierkrieg, riesigen finanziellen Fragezeichen, Wohnungsauflösung und dem eigenen “ich-will-das-nicht”? Wie macht man das, 2 Stunden einfache Wegzeit zu haben um zurück zum Kind zu kommen wenn es ihm schlecht geht. Bin ich zuhause, werde ich wahnsinnig wegen der bevorstehenden Prüfung. Bin ich dort, bin ich nicht hier, und ich habe das nicht niederkämpfbare Gefühl, dass hier-sein meine vornehmste Aufgabe sein wird in der kommenden Woche. Es gibt doch so viele erste Male!

Und ich will das alles nicht. Ich möchte mich angesichts der grandiosen Scheiße die hier abläuft bitte sabbernd am Boden wälzen und schreien bis ich heiser und taub bin. Und aufgrund der neuen Kopf-Medikation darf ich mich nicht mal besaufen. Ich hätte es dringend nötig. Und dann eine Runde heulend um den Hals eines Freundes hängen, der mich einfach so nehmen kann wie ich bin. Und mich trösten lassen und halten um wieder Kraft zu bekommen für´s Weiterlaufen.

 

 

 

 

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Ich will das nicht.

Hat das kleine Kind zu mir gesagt.

Neben mir auf dem Bett sitzend. Mit diesem fassungslosen Blick. Nochmal. “Ich will das nicht. Mama!” So dicke Ausrufezeichen kann ich hier gar nicht malen, wie es bräuchte. Und schreien und weinen und wehklagen. Und nach Luft schnappen. Und wegsehen, wegsehen wie ich das gestern fassungslos durch eine große Scheibe auf einen großen Platz im Angesicht großer Lücken getan habe. Und wieder mich ansehen. Wieder fassungslos. Und wieder: ”Mama, ich will das nicht.”

“ich weiss”

“wieso nur?”

“weil er krank war”

“das darf nicht sein.”

Nein, alles das hätte nicht sein dürfen. Alles das ist eigentlich schon eine Nummer zu hart und zu beschissen. Ist es erst recht vor dem Hintergrund wie beschissen und hart es ansonsten ist. Diese Mutter zu haben, die ich als Kind dessen, was mein Leben eben so geprägt hat bin, das ist sicher schon nicht leicht. Alleinerzogen zu werden am Rand des Wahnsinns, in einer Welt in der aus Scheiße Gold am Stück gepresst werden muss, in der man sich stark fühlt wenn man die Nase über Wasser hält und sich nicht absaufen lässt, in der “gewinnen” mit “einigermaßen schmerzarm überleben” synonym ist.

Nicht vor dem Hintergrund, dass seit Jahren klar war, was da läuft. Nicht vor dem Hintergrund, dass ich vor gar nicht allzu langer Zeit von Pontius zu Pilatus gerannt bin und Alarm geschlagen habe, dass ich keuchend über Amtsstubentischen hing, dass ich doch schon weit vorher gewarnt habe und apelliert und gearbeitet und goldene Brücken gebaut um sie dann irgendwann wieder einzureissen, um mich dann abzugrenzen weil klar war, was kommen würde und ein bischen Schutz vor dieser Sache so nötig war.

Das hätte alles nicht sein sollen, nicht sein dürfen, und gehört so auch nicht. Es ist nicht okay (hörst du, Leben: ES IST NICHT OKAY!), dass in einer Situation in der doch eh kein Stein mehr auf dem anderen steht alle Steine noch mal hochgeworfen werden um noch chaotischer zu fallen. Und einem auf den Kopf. Und man kriegt nicht mal einen Helm und sieht sich dann mit blutverschmiertem, tränennassem Gesicht im Bett sitzend an und sagt sich gegenseitig, dass das nicht sein darf. Nicht jetzt. Und eigentlich überhaupt nicht. Und es dröhnt einem der Schädel so laut, dass man die Augen schliessen muss.

Nicht jetzt, wo eh genug geweint wurde. Nicht jetzt, wo eh die Welt so anders aussieht. Nicht jetzt, da Prüfungen zu schreiben, Pläne zu schmieden, Kisten zu packen, Jobs zu finden und Arbeit zu machen und der grüne Zweig auf den wir doch wollen…das ganze Chaos wollte doch jetzt sortiert werden, und ein bischen Luft zum Atmen, ein bischen Erholung und eine Pause vom “es-geht-immer-schlimmer” hatten wir doch geplant.

Das darf nicht sein. Das darf nicht sein. Das darf nicht sein, dass ich innert eines Vormittages schon feststellen muss, wie sehr uns das -und da rede ich vom Praktischen, nicht von dem, was innen im Kind großteils, und aber auch in mir sein wird- aus der Bahn werfen, Knüppel zwischen die Beine, Knüppel aus dem Sack.

Es darf nicht sein und ich möchte das nicht. Insgesamt möchte ich nicht mehr. Ich möchte kein “Schlimmer-geht-immer”. Es reicht.

Aber es ist eben, wie es ist.

Und sie haben ihn am Freitag in seiner Wohnung aufgefunden. Und da war nichts mehr, da war es einfach vorbei.

Nein, Anlass zum Verdacht auf Fremdeinwirkung besteht nicht. Ob also ein entgleister Diabetes, eine waghalsige oder abschliessende Dosis eines Medikaments, schlicht Alkohol oder eine Kombination aus alledem: Nobody will ever know.

Nein, es wundert mich nicht. Es überrascht mich nicht mal. Auch mein persönlicher Verlust ist extrem überschaubar.

Aber das Kind.

Das muss doch ein bischen getragen werden jetzt. Und ich hab doch alle Hände schon so voll, dass die Finger kribbeln, die Arme zittern und ich meine Tage nur mit einem verkniffenen Gesicht zu Ende bringe, den Blick in die Ferne auf ein “irgendwann, aber lang kann es nicht mehr dauern weil so viel ja schon war” gerichtet. Ich bin doch schon zerrissen und müde und fleissig. Und das Kind, das ist das alles doch auch und vor allem doch so Kind. Dem sollen doch die Finger nicht so schlimm kribbeln und die Arme so zittern und so erschöpft sein wie mir. Ich will das nicht.

Liebes Kind, ich hätte dir so gewünscht, dass du lernen und erleben darfst, dass dein Zauber genügt, zu heilen, zu motivieren, dass sich um dich gekümmert wird. Dass du Grund und Anlass und Hoffnung bist. Dass du erfahren darfst, wie unfassbar liebenswert du bist. Oder wenigstens, dass…ach! Ich werde tun, was ich kann. Also wie sonst eben auch, mein kleiner guter Grund.

Ja, es ist verantwortungslos, sich tot zu saufen. Es ist gemein, es ist ekelhaft, es ist unfassbar belastend, es bringt Schuldgefühle und Ängste und Leid, Leid, Leid, sich vor dem eigenen Kind ins Grab zu saufen, du Arschloch! Du grandioses Arschloch. Und ich lasse kein Argument gelten. Keine schwere Kindheit (wer tauschen möchte hebt die Hand), keine Gewalterfahrungen (dito), keine schlechte wirtschaftliche Situation (dito), keine zu hohe Arbeitsbelastung (bitte, wer möchte darf auch hier tauschen), keine noch so krude Persönlichkeit, kein nichts, nichts, nichts lasse ich da gelten.

Und ich werde, und das werde ich mit der brüllenden Wut tun, die ich als Mutter gerade verspüre all die Sesselpupser anrufen, denen ich vor einigen Wochen Honig ums Maul geschmiert habe, die ich angebettelt habe, die ich gewarnt, versucht zu überzeugen, informiert und genervt habe. Und ich werde ihnen sagen: Ihr habt euren Scheiß-Job nicht gemacht.

Wir aber, wir werden. Irgendwie. Weiter. gehen. Und trösten und halten und auch auf Gräbern tanzen weil wir das nämlich gelernt haben. Wir werden lachen und fröhlich sein und uns zuprosten, mit rotgeschminkten Lippen und  mit Sonne auf der Haut und schmucken Narben und werden uns sattessen an etwas anderem als trocken Brot. Und wenn ich es schon angespeichelt und zerkaut dem Leben aus dem zugebissenen Maul puhlen muss.

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Realität 2.0 oder so.

Ist es sonderbar, dass ich nicht mal die Todesanzeige welche dann doch zur Beisetzung in der Zeitung erschien aufheben mag? Ich müsste sie ausdrucken weil ich das hiesige Käseblatt nicht lese. Und ich habe keine Lust.

Es ist ein wenig schmeichelhaftes Bild. Und was soll ich mit diesem Ausdruck…? Da ist nichts. Nichts, das ich aufheben will.

Eine blaue Urne. Eine oder zwei Handvoll.

Du, meine Gefahr, da drin? Absurd.

Absurd, dieses Durchatmen. Absurd, nicht mehr jedes auf der Straße entgegenkommende Auto zu checken ob sie drinnen sitzt. Absurd, wie hübsch ich bin wenn ich in den Spiegel sehe dieser Tage.

Absurd, wie schön es ist allein zu sein.

Die Luft wiegt leicht.

Ich fürchte fast, die Bodenhaftung zu verlieren.

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Zwischenschritte.

Ich bin ein Ritualmensch. Nicht in dem Sinn, dass ich gerne unreflektiert überlieferte Verhaltensweisen übernehme, sondern eher so zu verstehen, dass ich mir erlaube manches sehr bewusst auszugestalten und so für mich detailliert und achtsam durch besondere Momente zu gehen. Oder sie zu schaffen, zu installieren wo ich sie haben möchte. Das habe ich in den vergangenen beiden Jahren gelernt. Und ich habe dabei nur gewonnen. Schon jetzt ist ein ganzes innerliches Album zusammengekommen mit “meinen” Situationen die ich gestaltet habe. Das klingt vielleicht spektakulärer als es ist. Für Aussenstehende wird nur wenig davon sichtbar sein. Aber ich habe mit der Zeit gemerkt, dass ich da immer pingeliger werde, und solche Momente gerne “fülle”. Es gibt mir Sicherheit, gewisse Dinge sehr bewusst zu tun und hat mich schon mit manchem auf den ersten Blick höchst unangenehmen oder schwierigem versöhnt.

Langer Rede kurzer Sinn.

Ich gehe auf diese Beisetzung. Ich habe mir durch den Kopf gehen lassen, was ich dort wollen und was mir drohen könnte, ich habe abgewogen und gehadert, meine Ängste und  die Optionen in verschiedene Waagschalen geworfen und bin zu einem Ergebnis gekommen, mit dem ich leben kann, das sich “rund” anfühlt. Ja, ich habe auch in meine Überlegungen miteinbezogen, dass IMMER eine Überraschung für mich drin sitzt. Mit dem Schluss, dass sie mich zwar überraschen können, aber nicht mehr schocken. Und meine Kinder (von denen eines großen Wert darauf legt, an dieser Veranstaltung teil zu nehmen), die überlasse ich der Verwandtschaft nicht zur Indoktrination. Nein.

Also gehe ich -mit einem oder zwei Kindern- dort hin. Ich gehe dort hin und ich werde mir alles genau ansehen. Ich kann ihnen allen in die Augen sehen. Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste. Und wenn jemand ein Recht hat, an diesem Grab zu stehen…dann gehöre ich auf jeden Fall dazu. Dem Mann an ihrer Seite damit einen Gefallen zu tun ist auch einer meiner Gründe, hätte aber alleine nicht genügt. Oder anders: dem Mann an ihrer Seite mit meiner Abwesenheit keine zwischenmenschliche Ohrfeige zu verpassen ist einer meiner Gründe. Ich möchte nett sein. Ich kann es mir leisten, nett zu sein. Habe ich beschlossen.

Genau so, wie ich es mir leiste, keinen Kranz oder irgend ein anderes Gedöns zu machen. Ganz anders.

Zwei Sträuße “für Kinderhände zum in-ein-Grab-werfen” habe ich beim ortsansässigen Blumenladen bestellt. Für Freitag, ab elf Uhr. Aus Schleierkraut. Sie hat mal behauptet, das seien ihre Lieblingsblumen. Zwar kann ich mich nicht erinnern, in dem Blumenmeer, das sie zeitlebens um sich herum aufgefahren hat übermäßig viel davon gesehen zu haben, aber egal. Sie hat es gesagt. Und mehr als das habe ich nicht als Inspiration: Sie und ich im Garten. Ein Rundbeet. Schleierkraut.

Der Rest des für Blumenschmuck zu verprassenden Budgets wird anderweitig verwandt. Auch für Blumen, aber anders. Sehr passend: gestern rief der Tätowierer meines Vertrauens an, bei dem ich vor einiger Zeit angefangen habe, meine Arme machen zu lassen. Ob ich denn den Termin am Donnerstag wahrnehme. Hatte ich total verpennt.

In Anbetracht der Tatsache, dass diese Tätowierungen aber nicht “einfach so” sind, und dahinter eine lange, fast unerzählbare Geschichte steht und ich um einen Kreis zu schliessen einen Tag nach ihrem letzten Geburtstag diesen Kringel habe in meinen Rücken schnitzen lassen….es kam und kommt mir sehr rund vor. Ich gehe da schlicht und ergreifend morgen hin und mache weiter. Nach einem Break, von dem ich nicht wusste, wie ich ihn überwinden sollte.

Es fühlt sich gut an.

Ausserdem habe ich Migräne. Und das Betrachten der Traueranzeige macht alles das auch nicht so richtig real. Morgen ist ausserdem EEG. Blöde Spikes habe ich abbestellt. Und geweint auch noch nicht.

 

 

 

 

 

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Ja.

Ja. Den See, den kalten…den durchschwimmt man alleine.

Kann ich jetzt abschätzen.

Gestern hat ihr Mann angerufen und mich gebeten (!) zur Beisetzung zu kommen. Und er hat erzählt. Von Silvester. Vom Rezidiv. Von den letzten vier Tagen. Vom friedlichen Gesicht, dass sie gemacht haben soll.

Und ich habe gesagt, dass ich darüber nachdenke. Ob ich da hin komme. Und ich denke. Bisher jedoch völlig erfolglos.

Er hat mir mit den Fingerspitzen den Bogen gezeichnet. Am Horizont. Da, wo dieser kalte Stille See zu Ende sein muss. Ist mir zu weit. Ich möchte vom kalten Wasser gelähmt, betäubt und getragen werden. Keine Schwimmbewegungen.

Mittags aus der Akademie geflüchtet. Schlagartig das Bedürfnis jemandem die Fresse zu polieren. Da geht man besser nachhause, legt sich ins Bett und wartet auf Besserung. Bisher jedoch völlig erfolglos.

Ich bin bis über beide Ohren frustriert. Mir ist kalt. Ich will hier sitzen bis zum Ende der Zeiten. Nicht weil es hier schön wäre. Sondern weil mir nichts besseres einfällt. Einfällt angesichts all dessen. Was soll das? Ich mag nicht mehr glauben und hoffen und hinfallen und weiter robben. Ich will liegen bleiben. Fast bin ich ein bischen neidisch. Ich sitze mit der ganzen Scheiße noch hier. Ich hätte auch gerne ein entspanntes Gesicht.

Aber ich bin in höchstem Maß unentspannt. Habe mir in den letzten Tagen die Knochen wund und gichtig gelegen auf einer dicken Schicht feucht-kalter Sprachlosigkeit. Jede Bewegung ist mir zu viel. Jedes Wort ist falsch und ich will auch nichts mehr hören. Schon gar nicht von denen, die wissen, wie ich mich fühle. Die wissen, was mein Problem ist, die mir diese Behauptung als Antwort auf mein “ich weiss gar nichts mehr” geben. Lasst mich in Ruhe. Behaltet eure Weisheiten für euch. Sie passen mir nicht. Andrerleuts Weisheiten sind wie des Kaisers neue Kleider.

Und ich habe keine Lust, mich nackt und feucht und verkrampft wie ich bin vorführen zu lassen.

 

 

 

 

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Einen Fuß vor den anderen.

So geht das. Nicht anders.

Ich habe es mit sitzen bleiben versucht. Sogar hinter dem Schrank, aber das geht nicht, dagegen habe ich einen inneren Widerstand. Für mich ein gutes Zeichen.

Also geht es -langsam, mühsam, gemächlich- weiter. Ich suche meinen Takt. Ist wie beim Laufen. Du musst deine Geschwindigkeit finden. Balance aus Luft und Kraft. Atem und Bewegung. Gelegentlich befreiend auf den Asphalt rotzen. Ich bin auf Asphalt immer gerne gelaufen.

Ob ich Fragen hätte. Nein.

Nein, eigentlich ist alles gesagt. Der Rest ist doch Beiwerk. Das Projekt ist in der Hauptfrage gescheitert. Die Abwicklung habe ich selbst übernommen. Was jetzt andere mit den übrig gebliebenen Requisiten treiben ist doch nebensächlich.

Die einzigen um die mir schwer ist sind die beiden Kinder. Also nicht ihre Kinder, sondern meine. Ob die noch etwas brauchen. Oder ob ich einfach gar nichts tun muss und darauf vertrauen kann, dass sie ihre Bedürfnisse in dieser abgefahrenen Situation artikulieren. Sind sie klüger als ich wenn sie einfach nichts artikulieren? Wenn sie nicht einmal daran denken, dass es da für sie noch etwas geben könnte. Nichts erwarten. So gar keinen Rest Nestwärme erhoffen. Blödes Küken, ich.

Versteht mich nicht falsch, es geht mir nicht um materielle Dinge. Nicht um Sachwerte oder Geld. Aber ich habe von meinen beiden Großmüttern je ein Andenken bekommen. Je eine Halskette. Und auch wenn ich sie höchstselten anfasse, geschweige denn trage: ich bin froh sie zu haben. Und nein, nicht weil sie werthaltig sind.

Ist das jetzt meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass den Kindern etwas bleibt? Es ist da etwas in mir, das sich um diese Dinge nicht kümmern möchte. Und etwas anderes, das behauptet solche Dinge für meine Mädels zu tun seien mein Job.

Mal ganz abgesehen davon, dass ich es gut und richtig und rund finde, wenn solche Dinge geregelt sind muss ich ja davon ausgehen, dass dem genau so ist. Diese Dinge werden geregelt sein. Und zwar so, dass auch da nichts für die Kinder bleibt. Die Erkenntnis: Es ist wie es ist und nichts, nichts, nichts soll bleiben für mich und auch nicht für die Kinder, weil wir (was die Kinder angeht wahrscheinlich durch eine krude Idee von Erbsünde^^) einfach nichts verdient haben.

Andererseits sind da auch Teile meines Lebens. Die, so frage ich mich, ich vielleicht lieber bei mir wissen möchte. Fotoalben. Kommunionsfotos auf denen ich Augenringe habe, tiefer als ihre zu der Zeit waren. Danksagungskarten ganz im High-Society-Stil. Die Pferde, die ich als Kind immer geritten bin. Das Haus in dem ich aufgewachsen bin. Der ganze Kram halt. Ist das nicht ein bischen auch meines? Ist es gierig oder verwerflich oder hochfahrend wenn ich den Gedanken in mir habe, dass es “besser” ist, diese Dinge in meinem Keller verschimmeln zu lassen als sie der ungeliebten Verwandtschaft zur eigenen und freien Interpretation zu überlassen? Dass ich eher ein Recht habe, hier zu interpretieren und zu deuten?

“Schau, so schöne Kleider hat das Kind gehabt. Was ist nur aus ihr geworden, dass sie so undankbar ist!”

Das Kind hat sich zu der Zeit schon stundenlang vorm Medikamentenschrank rumgedrückt und gefragt, wie man rausfindet was zum nebenwirkungsarmen und ausreichend schnellen Suizid taugt. War alles total prima. Mein Herz wird ganz warm vor Dankbarkeit.

 

 

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